In der Jack Daniel Distillery haben alle immer Zeit.
Sagt die Werbung.Und die lügt nicht.
Der langsamste Whiskey der Welt
Es ist Ende Oktober,
und das Herbstlaub überzieht die Rolling Hills im Südosten von Tennessee wie
eine leuchtende, grün-gelb-rote Patchworkdecke. Jetzt bleibt das Vieh nachts
wieder im Stall, und die Farmer gehen morgens mit ihren Hunden auf Hasenjagd.
Später sitzen sie dann auf der Veranda vor dem hardware store, wo die Cola noch
zehn Cent kostet, schnitzen an einem Stück Zedernholz und lesen ihre Zeitung,
die nur am Donnerstag erscheint. Die Preise für Rindfleisch seien gut in diesem
Jahr, steht da. Und Bauer Larry Moorehead geizt nicht mit Ratschlägen in dieser
Woche: "Eine Kuh, die nicht trächtig war, sollte man sofort verkaufen,
weil sie sich von diesem Schicksalsschlag ihr Leben lang nicht mehr
erholt." Und alle denken ein bißchen an ihre Kühe. Was soll um diese
Jahreszeit auch sonst passieren in Moore County, hundert Meilen südlich von
Nashville? "Wir hier in Lynchburg leben mit der Natur", sagt Roger
Brashears, "wir brauchen diese Ruhe und Gelassenheit. Hektik können wir
nicht ausstehen.
Man hat es geahnt. Die in Lynchburg sind das Synonym für Ruhe und Gelassenheit.
Jeder kennt sie aus der Werbung, jeder kennt den Film, der ein bißchen unscharf ist und bei dem
alles eine Idee langsamer abläuft. Es ist, als ob der Zuschauer wie durch einen
Schleier blickt, zurückgeworfen in eine versunkene Zeit. Da holpert ein alter
Lastwagen langsam um die Ecke. Da stehen alte Männer in Latzhosen neben
wuchtigen Holzfässern. Enten laufen einem über den Weg. Wasser plätschert aus
einer dunklen Höhle am Fuß eines idyllisch gelegenen Hügels. Und vom Gazebo
Park, dem Zentrum des Orts mit seinem Karree aus Ziegelsteinhäusern und dem
Gerichtsgebäude in der Mitte, gleich neben der einzigen Kreuzung mit der
einzigen Ampel, führt eine von Ahornbäumen flankierte kleine Straße zu einem
Schild, auf dem steht: Pop. 361. Das Schild kennt man auch aus der Werbung.
Lynchburg, Tennessee, 361 Einwohner.
Lastwagen, Enten, Latzhosen, eine Kreuzung mit einer
Ampel und sonst nichts? Etwa genauso ist es in echt. Aber wenn man nachts mit
dem Auto von Tullahoma kommt, die State Route 50 entlangfährt und das Fenster
geöffnet hat, kommt das dazu, was man in der Werbung nicht mitbekommt: Die Luft
ist erfüllt vom Geruch verbrannten Holzes, süßem Moder und der leicht
stechenden Schärfe von Schnaps. Das ist die Jack Daniel Distillery, die älteste
eingetragene Whiskeybrennerei Amerikas, die am Rand von Lynchburg liegt. 1866
amtlich registriert, stellt sie den weltweit meistverkauften Whiskey her,
exportiert in über 110 Länder: Jack Daniel's. Eigentlich ja Jack Daniel's Old
Time Old No. 7 Brand Quality Tennessee Sour Mash Whiskey, um korrekt zu sein. Und
das ist wichtig, wie wir noch erfahren werden. Um diesen Whiskey geht es in der
Werbung über Lynchburg, Tennessee. Und es gibt da eine Anzeige, in der ein Mann
zwischen zwei Fässern steht, Mütze, kariertes Hemd, Blick nach rechts. Drunter
steht: "Es ist etwas Besonderes an den Hügeln von Tennessee, wo sich ein
Mann noch Zeit nehmen kann, um seine Aufgaben richtig zu erledigen." Der
Mann heißt Morgan Steelman.
Er begegnet einem im
Barrelhouse. Er steht gerade zwischen zwei Fässern, Mütze, kariertes Hemd. Kein
Witz. Er nimmt sich offensichtlich Zeit für seine Aufgaben. Morgan grüßt. Alle
grüßen hier in diesem ehemaligen Lagerhaus, in dem Whiskey aufbewahrt wurde,
bis die Firma ein größeres Verwaltungsgebäude brauchte und hier Büros
einrichtete. Und dort sitzt im ersten Stock denn auch Roger Brashears. Er ist
groß, schwer, kugelrund, trägt Hosenträger und Cowboystiefel. Der Sprecher der
Jack Daniel Distillery hat eine rauhe, bellende Stimme. Kettenraucher. Vor ihm
ein Schreibtisch, auf dem offensichtlich noch Post von seinem Dienstantritt am
27. Juni 1963 liegt. Einmal hat er dort unter den Papieren ein vier Jahre altes
Thunfisch-Sandwich gefunden. Hinter ihm ein Regal mit antiken Whiskeyflaschen
und Photographien von Anno Tobak. Alles ist gelb vom Alter und Nikotin. Roger
hat noch nie ein Faxgerät benutzt oder einen Computer angefaßt. Er sagt:
"Ich habe den schönsten Job der Welt. Ich muß eigentlich gar nichts tun,
und ich kann Ihnen auch gar nicht viel erzählen. Eigentlich macht der Whiskey
die Arbeit alleine. Schauen Sie es sich an, nur glauben Sie nicht, daß hier
allzuviel passiert.
Die Tour durch die
Brennerei beginnt in einem dieser Lagerhäuser. Mit dabei ein Dutzend
Spirituosenhändler aus Frankreich und Spanien sowie zwei deutsche Touristen in
Sandalen und bunten, kurzen Hosen. Vater und Sohn; sie kommen aus Franken. Und
nun stehen sie also wie die anderen 250 000 Besucher pro Jahr in einem der
fünfzig stickigen barrelhouses, in denen jeweils eine Million Gallonen Jack
Daniel's vor sich hinreifen, und lassen sich erklären, wie das funktioniert mit
den frisch angekohlten Fässern aus amerikanischer Weißeiche. Wenn es warm ist,
dehnt sich der Whiskey aus, wenn es kalt ist, zieht er sich zusammen, und
währenddessen nimmt er das Aroma des Holzes an und wird dunkelbernsteinfarben.
Das Destillat ist ursprünglich farblos. William Groger macht die Tour. Netter
Kerl, Mütze, kariertes Hemd. Er zuckt mit den Achseln und sagt: "Jaja, so
ist das." Pause. "Und das ist es dann auch schon wieder. Der Whiskey altert
eben. Vier, fünf, sechs Jahre, bis er den richtigen Geschmack hat." Dann
wird er getestet und abgefüllt. Und wenn seine Zeit noch nicht gekommen ist,
bleibt er halt ein wenig länger im Faß. Tennessee Whiskey kann auch keine
Hektik ausstehen. Der Vater aus Franken sagt zum Sohn: "Schau, Albert -
wie im Fernsehen." William war natürlich auch auf einem Werbeplakat. Alle
waren schon mal auf einem Werbeplakat. William sagt: "Tja, Leute, laßt uns
gehen. Hier passiert nicht viel.
Eine Flasche Jack
Daniel's beginnt als Scheffel Mais, der vermengt wird mit Roggen, Gerstenmalz
und dem Wasser aus der Kalksteinhöhle, das gleich hinter der Destillerie
glasklar aus dem Felsen sprudelt. Dreizehn Grad kalt und praktisch
mineralienfrei. Nichts ruiniert einen guten Whiskey mehr als eisenhaltiges
Wasser. Doch die hier in Lynchburg, Tennessee, haben den Bogen raus. Die
Maische wird gekocht und gärt danach in Bottichen mit 40 000 Gallonen
Fassungsvermögen heftig drauflos. Das Verfahren ähnelt dem Brotbacken mit
Sauerteig. Auf dem Boden der Riesenschüsseln bleiben immer Rückstände früherer
Füllungen. Deshalb Tennessee Sour Mash Whiskey. Den gibt es nur hier. Und weil
er nach dem Destillieren auch noch Tropfen für Tropfen über drei Meter hohe,
zerkleinerte Holzkohle rinnt, "hinterläßt er diesen zärtlichen
Abschiedsgruß auf der Zunge", wie Roger Brashears meint, "weshalb
Jack Daniel's kein Bourbon ist, was auch kaum jemand weiß". Die bei dieser
Methode mitgeschwemmten Kohlepartikel werden von Wolldecken herausgefiltert.
"Es gibt sicherlich modernere Verfahren", sagt Brashears, "aber
es funktioniert. So wird das seit über einem Jahrhundert gemacht. Und was gut
genug war für Mister Jack, ist auch gut genug für uns.
Die Legende von Mister
Jack ist das beliebteste Gesprächsthema von Moore County. Jack Daniel wurde
1850 am Mulburry Creek geboren, einen Steinwurf von der Brennerei entfernt. Er
war das zehnte Kind seiner Mutter, die wenige Monate später starb. Als sich der
Vater einige Jahre später verdrückte, schlug sich der kleine Jack mit Dienstleistungen
und Whiskeybrennen durch. Irgendwann fand er die Quelle am Fuße des Hügels,
kaufte sie, baute eine Hütte und ließ seine Firma eintragen. Er war erst
sechzehn Jahre alt, nur 1,57 Meter, und bei der Größe ist es auch geblieben.
Aber er wurde ein beliebter Gastgeber, spendabler Patron und umschwärmter
Charmeur. Ein Mann mit fulminantem Schnauzbart, der den Whiskey und die Frauen
liebte - und man sagt, er liebte fast alle Frauen aus Moore County. Aber vor
allem war er der cleverste Unternehmer von ganz Tennessee. Mister Jack gab als
erster seinem Whiskey einen Namen. Seinen. Er nannte ihn darüber hinaus Old No.
7 Brand ("Kein Mensch weiß bis heute, was das bedeutet, aber es hört sich
gut an", so Brashears) und füllte ihn in eckige Flaschen, um sich von der
Konkurrenz abzuheben. Mister Jack zeigte sich nur im schicksten Aufzug, mit
Anzug, Weste und Krawatte, ließ Heißluftballons mit Werbeaufschrift steigen,
hatte eine firmeneigene Dixielandkapelle und war gewissermaßen der Erfinder der
Corporate identity. Ein Jammer, daß er ein so unglückliches Ende nahm. Doch
dazu später.
Das ist die Geschichte
von Jack Daniel's Tennessee Whiskey. "Etwas Besseres als diese Firma kann
man gar nicht erfinden", sagt Brashears, "wir haben hier ein
Sprichwort: Tritt keinen Esel, der läuft. Warum also sollten wir etwas
verändern?" Der Esel läuft unermüdlich, und Jack Daniel's mit dem
unverwechselbaren schwarzen Etikett auf der Flasche hat alle Krisen ohne
Veränderung überstanden: die Prohibition in den zwanziger Jahren und ein Brennverbot
in Tennessee bis 1939, weshalb die Produktion für einige Zeit verlagert werden
mußte. Und kurioserweise entsteht daher eine der weltberühmtesten Spirituosen
in einem Landkreis mit Alkoholverbot. Moore County ist ein dry county.
Öffentlich darf hier Whiskey weder ausgeschenkt noch verkauft werden, und im
"White Rabbit Saloon" der Destillerie, Mister Jacks Originalkneipe
aus der Jahrhundertwende, die heute ein Andenkenladen ist, geschieht das auch
erst seit Januar 1995 und nur in Repliken historischer Whiskeyflaschen.
William Groger und die und die Tourgäste sind auf dem Weg hinauf zum
Holzhof. Dort liegen, sorgfältig gestapelt, 1,2 Meter lange, 5 Zentimeter dicke Stücke Zuckerahorn. Es ist ein
Kunststück, sie so zu verbrennen, daß das Holz zu Kohle wird und nicht zu
Asche. In einer Garage sitzen Arbeiter mit Mützen und Latzhosen. Diesmal ist es
eine Gruppe von Männern, die sich Zeit for ihre Aufgaben nimmt. Okay, einige
schnitzen an einem Ast herum. Darunter Jack Bateman.
An einem Freitag vor
ziemlich genau 42 Jahren kam Lem Motlow, der Neffe von Jack Daniel, an der Farm
vorbei, wo Jack arbeitete, und sagte zu ihm: "Ab Montag bist du in der
Destillerie." Und da ist Jack bis heute geblieben. Er sagt: "Wenn das
Holz mit dem Lastwagen um die Kurve kommt, kann ich schon sehen, ob es etwas
taugt." Und: "Lem Motlow hat immer zu mir gesagt: ,Ich bezahle dich
nicht für das, was du machst, sondern für das, was du weißt.'" Aber vor
allem, nuschelt Jack, "mußt du etwas tun, an das du glaubst. Ich glaube,
daß niemand besseren Whiskey macht als wir bei Jack Daniel. Wir wissen, daß
Gutes seine Zeit braucht. Und die nehmen wir uns.
Ein Lastwagen fährt
vorbei, der Fahrer stoppt, man plaudert. Die richtigen Dinge tun. Und während
Jack seine Mütze nach oben schiebt, ruft eine Spirituosenhändlerin aus Madrid:
"Hoppla, den kenn' ich doch!" Klar, jeder kennt Jack. Vor zwanzig
Jahren war er zum ersten Mal auf einem Werbeplakat. Ein Dutzend anderer
Aufnahmen folgte. Und deswegen wollen sich alle Besucher, wenn sie ihr Batemansches
Déjà-vu-Erlebnis haben, mit ihm photographieren lassen. Jack Bateman ist ein
Star und bevorzugt Schnappschüsse an der Seite von Frauen. Diese Photos liegen
haufenweise in einer Schublade seiner Werkstatt. Daneben unter anderem Fanpost
von Hanni und Stefan aus München. "Wir haben herausgefunden, daß die Leute
etwas wollen, das sich ausnahmsweise mal nicht verändert", sagt Bill
Mueller von der Werbeagentur Simmons, Durham in St. Louis, Missouri. Die machen
die Werbung für Jack Daniel's seit 1956. Es ist die am längsten unverändert
laufende Kampagne Amerikas. "Jack Daniel's ist der einzige Weg, aus dem
Konsum-Wahn-Irrenhaus auszubrechen, bei dem alles hip, neu, bunt sein muß. Ich
glaube, man spürt das Streben und Trachten dieser Leute, etwas zu bewahren, worauf
sie stolz sind. Und das zeigen wir." Schöner PR-Trick. Bill Mueller:
"Stimmt, aber es ist die Wahrheit.
Jack Batmans Sohn
arbeitet seit 21 Jahren für Jack Daniel. Die Destillerie hat 75 Familien
beschäftigt, die drei Generationen repräsentieren, fast alle Angstellten kommen
aus Moore County. Morgan Steelman ist 68 und "könnte schon längst in
Pension gehen, aber ich bin gerne hier. Es ist ein großartiges Produkt, das wir
herstellen." Nebenbei bemerkt kann er morgens mit seiner Frau zur Arbeit
fahren. Die ist seit 33 Jahren in der Verwaltung, Exportabteilung. "Der
Whiskey in den Fässern weiß nicht, ob er in Boston oder Bangkok landet",
sagt Bill Mueller. "Aber der Mann, der ihn verlädt, weiß, daß er ihn nicht
hätte besser machen können", sagt Roger Brashears. Die Leute glauben
wirklich daran. "Sie würden vor Kummer sterben, wenn sie in Detroit Autos
zusammenbauen müßten", sagt Mueller.
Zwischen
Backsteinhäusern und Verladerampen, in der Nähe der riesigen, dreißig Meter
hohen Kupferkessel, steht Brennmeister Jimmy Bedford. Er ist seit dreißig
Jahren in der Firma; erst Handlanger des Brennmeisters, dann Assistent des
Brennmeisters, anschließend stellvertretender Brennmeister und nun endlich
Chef.
"Ich habe das
längste Ausbildungsprogramm der Welt hinter mir", sagt Jimmy. Er ist erst
der sechste Brennmeister in der Geschichte von Jack Daniel. Der erste war
Mister Jack selber. Auf einem Bild sieht man Jimmy mit gekreuzten Armen vor
Photos seiner Vorgänger. "Wir haben dieses Erbe übernommen, und solange
Gott mich läßt, werde ich versuchen, es zu bewahren", sagt er. Mueller:
"Diese Typen sind, was sie sind. Es treibt einem das Wasser in die
Augen." Jimmy lebt zwei Meilen die State Route 50 hoch, Richtung
Tullahoma. Er hat eine Farm mit Truthähnen und Kühen. "Das ist mein Leben.
Es ist vielleicht ein ruhiger Weg, aber ich bin glücklich." Er wollte nie
einen anderen Job, nie woanders arbeiten. Er wollte immer in diese Brennerei in
den Hügeln von Tennessee. Dort steht er nun in der Halle, in der Schnaps
destilliert wird, schaut, kontrolliert, wartet. "Viel gibt es nicht zu
tun", sagt Jimmy. "Wir könnten vielleicht mit chemischer Hilfe mehr
Whiskey viel schneller produzieren. Aber wir achten lieber auf Qualität, die
Quantität regelt sich von selbst.
Es ist ein schöner
Flecken Erde, hier in Lynchburg, Tennessee. Die Bäume sind efeuumrankt, und der
Wald ist voller Wachteln, Eulen und Waschbären. Man geht bei Sonnenuntergang
schlafen, während die Frosch-und Zikadenkonzerte anheben. Nachmittags um fünf
machen alle Läden zu, und natürlich ist dann auch "Miss Mary Bobo's
Boarding House" geschlossen. Es ist die beste Pension am Ort, berühmt für
ihren Southern Fried Catfish mit gratiniertem Reis, Coleslaw, gebackenen Bohnen
und Okraschoten. Zum Nachtisch gibt es Apfel-Walnuß-Strudel mit braunem Zucker
und Zimt. Lynne Tolley, die Besitzerin von "Miss Mary Bobo's" ist
eine Urgroßnichte von Mister Jack. Und es gibt in Lynchburg nichts, was nicht
mit Jack Daniel's zu tun hätte. Die Kühe werden mit der vergorenen Maische
gefüttert, es gibt Bonbons mit Whiskey, und die Briketts für das jährliche
Barbecue mit 25 000 Besuchern am vierten Sonntag im Oktober werden aus der
Holzkohle gemacht, über die der Schnaps tröpfelte. Jack Bateman sagt:
"Ohne Jack Daniel's wären es hier eine Geisterstadt, tot.
Die Spirituosenhändler
sind zurück von der Tour und treffen sich bei Roger Brashears im Konferenzsaal
des Verwaltungsgebäudes. Auf dem Tisch türmen sich ungeöffnete Post und
Papierberge. In einer gußeisernen Pfanne qualmen schlecht ausgedrückte Zigarettenstummel
vor sich hin. Roger liegt in seinem Schreibtischstuhl und erzählt Geschichten.
Vom alten Herb Fanning, der 27 Jahre nach seiner Pensionierung immer noch in
die Firma gekommen sei, um seine Hilfe anzubieten. Er weiß noch seinen
Todestag: 3. 12. 1989. Herb war 92 Jahre alt. Oder die Geschichte von dem
ehemaligen Whiskeytester Mister Lantwood, der bis zu seinem 90. Geburtstag
täglich kam, um ein Schlückchen zu probieren. Und dann fehlt auch noch das
unglückliche Ende von Mister Jack, der vor Wut den Tresor trat, sich den großen
Zeh brach, eine Infektion bekam und trotz Amputation nicht mehr zu retten war.
Da staunen die Gäste und gucken verwirrt, während Roger aus einem Plastikbecher
mit dem unverwechselbaren schwarzen Logo das lokale Produkt zu sich nimmt.
Draußen vor dem Fenster Arbeiter in karierten Hemden und Latzhosen. Und dann
läuft auch noch eine Ente über die Straße. Wirklich nicht gelogen.
Roger Brashears nimmt
noch einen Schluck. Er hat den schönsten Job der Welt. Die Berge unerledigter
Post haben ihn noch nie gekümmert. Und während Roger so in seinem Stuhl liegt,
schwer atmend, die Augen geschlossen, könnte man denken, er schläft. Aber er
schläft nicht. Plötzlich schnellt er hoch und sagt: "Nicht, daß sich in
Lynchburg nichts ändern würde. Der Gemüsehändler ist neulich umgezogen, er
steht jetzt nicht mehr vor dem hardware store, sondern im Schatten der Eiche.
Cleverer Bursche." Links neben ihm an der Wand hängt eine Uhr. Sie steht.
Wer weiß, wie lange es bei Jack Daniel in Lynchburg, Tennessee, schon fünf vor
halb drei ist? Vielleicht schon immer. Aber Zeit spielt ja auch keine Rolle,
wenn man genug davon hat, um seine Aufgaben richtig zu erledigen. Es ist wie
ein zärtlicher Abschiedsgruß an die Hektik in der Welt.